Die geheimen Genies
Sie sind außerordentlich intelligent und verfügen über
herausragende Talente. Gerade dies macht es hochbegabten Kindern schwer,
mit ihrer Umwelt zurechtzukommen. Wenn ihre Fähigkeiten nicht erkannt
und gefördert werden, werden sie zu Außenseitern Die Münchnerin Karin
Lochner berichtet von den Erfahrungen mit ihrem 13jährigen Sohn.
„Als mein Sohn Tom in die Schule kam, war er Feuer und
Flamme. Er lernte Lesen und Schreiben, und eine neue Welt eröffnete sich
ihm. Schon damals versorgte er sich stapelweise mit Lektüre aus der
Bücherei. Er stürzte sich auf alles Lesbare: Kinderbücher und
Fachliteratur, Zeitschriften und Zeitungen, Comics und
Gebrauchsanweisungen. Wenn seine Klassenkameraden draußen spielten, lag
er nachmittags stundenlang in seinem Bett. Eingewickelt in seine
Baby-Schmusedecke versank er in die Welt von Entenhausen oder in die
Spiegel-Titelstory über Antimaterie. Zwischen Teddybären,
Mickey-Mouse-Heften, Fachbüchern und alten Illustrierten kommentierte er
einen Artikel über einen italienischen Kindergarten für Hochbegabte: ‚Da
wär’ ich auch gerne hingegangen.’
Ich legte meinen Arm um seine Schulter und erklärte ihm,
was ich damals dachte. Hochbegabte Kinder waren diese musikalischen
Genies, die virtuos geigten und nebenbei noch ein paar Sprachen fließend
beherrschten. Natürlich war Tom für mich der Sonnenschein in unserer
Familie, das gescheiteste, tollste, beste Kind weit und breit. Tom kam
in die zweite Klasse, und sein Begeisterungsfeuer für die Schule
erlosch. ‚Es ist so langweilig’, stöhnte er täglich. Wie alle Mütter
wollte ich helfen, damit er die Lust am Lernen bloß nicht verliert.
Tom war ganz verrückt auf Rechnen. Aus Spaß rechnete er
in Restaurants und an der Supermarktkasse aus, was wir zu zahlen hatten.
Er war immer schneller als Kellner und Kassiererinnen.
Wir machten der Lehrerin verschiedene Vorschläge, ihm
Extra-Aufgaben zu geben. Tüftelaufgaben aus dem Zeit-Magazin oder
Matheaufgaben aus dem Gymnasium. Die Lehrerin nahm mir diese Einmischung
übel, verwies mich auf ihre jahrelange Erfahrung und Kompetenz.
Für Tom änderte sich nichts. Für ihn war alles so öde wie
immer. Nicht einmal Mathe machte ihm in der Schule Spaß. Nach seinen
Lieblingsfächern befragt, antwortete er stets: ‚Pause und Sport.’ Die
Grundschulkonflikte gipfelten im ‚Eichhörnchenstreit’. Tom meldete sich
und erzählte der verblüfften Lehrerin und seiner dritten Klasse, was er
neulich im Spiegel über diese Tiere gelesen hatte. Wie so oft
wurde er ausgebremst. Er solle doch um Himmels Willen nicht die anderen
Kinder vor dem Test durcheinanderbringen, meinte die Lehrkraft. Tom
schwieg, schrieb aber in der Klassenarbeit seine Erkenntnisse über
Eichhörnchen nieder. Und bekam prompt eine schlechte Note.
Nun war Schule in Toms Augen nicht nur todlangweilig.
Schule war heuchlerisch und verlogen. Wer mag schon an einen solchen
Ort? Tom musste. Fünf Tage die Woche. Und das würde noch ewig so
weitergehen.
Da trat er einen ungewöhnlichen Rückzug an.
Er entwickelte Ticks, die nur während der Schulzeit
auftraten. Nie in den Ferien. Diese nervösen Zuckungen, Bewegungen und
Geräusche waren unkontrollierbar und beängstigend.
Sie wurden von einer Kinderpsychologin, einem Kinderarzt,
einem Neurologen, einer Sozialarbeiterin untersucht. Ein halbes Jahr
später hatte Tom ohne Ergebnisse die verschiedensten Tests in
High-Tech-Arztpraxen absolviert. Es hatte sich bereits eine regsame
Korrespondenz aller beteiligten Fachleute entwickelt, die sich jedoch
nicht auf eine einheitliche Ursache einigen konnten. Mal war von
Epilepsie die Rede. Dann von sozio-familiären Schwierigkeiten. Und von
frühkindlichen therapiebedürftigen Störungen. Übereinstimmung gab es bei
allen Spezialisten nur in der Überzeugung, dass dem Kind einzig und
allein durch die regelmäßige Einnahme von Psychopharmaka geholfen werden
kann.
Ich wurde skeptisch. Warum, fragte ich, hat er diese
quälenden Ticks nur in der Schule? Die Antwort war immer ein Schwall
Fachchinesisch. Jetzt übernahm ich selbst die Therapie: Wir kauften
einen anspruchsvollen Computer, und ich ließ Tom so oft die Schule
schwänzen, wie er Lust hatte. Das half. Wir fuhren ins Alpamare und
besuchten Freunde im Ausland. Und hatten eine schöne Zeit.
Aber es war keine Lösung auf Dauer. Ich zog resigniert
Bilanz über drei Jahre deutsche Grundschulzeit und fand mich damit ab,
dass mein Sohn wegen seiner großen Abneigung gegen Unterricht wohl auch
nie in ein Gymnasium gehen könnte. Und weigerte mich weiterhin, ihm
Tabletten zu geben.
Da entdeckte ich im Zug, in einer liegengebliebenen
Zeitung, einen Artikel, der ein gleichaltriges Kind portraitierte:
Problemkind in der Schule, Ticks, starkes Interesse an
Erwachsenenthemen, geht später ins Bett als die Eltern, prügelt sich
nie. Ich bekam Herzklopfen. Die Beschreibung passte haargenau auf Tom.
Die Telefonnummer riss ich mir raus. Rief dort an. Wurde
überzeugt, es noch einmal, nur noch ein einziges Mal mit einem
Intelligenztest zu probieren. Wir gingen hin und es kam heraus, dass Tom
sehr, sehr intelligent ist. Hochbegabt eben, mehr als durchschnittlich.
Vier Jahre sind vergangen. Ich habe bei einer
Eltern-Kind-Selbsthilfegruppe mitgearbeitet, unzählige Telefonate
geführt, gefaxt, korrespondiert und hielt regelmäßig Kontakt mit dem
Kultusministerium. Ich kann ein Who is Who der Szene schreiben. Trotzdem
habe ich feststellen müssen, dass es – bis jetzt – keine Förderung für
meinen Sohn gibt: Keine staatliche Stelle, keine private Stiftung und
kein gemeinnütziger Verein konnte helfen. Wir kennen keine öffentliche
Schule in der Universitätsstadt München, die sich über Tom als
Bereicherung freuen würde.
Nun haben wir unsere eigene Lösung gefunden. Tom geht auf
eine teure englische Privatschule. Die neue Unterrichtssprache ist eine
Herausforderung für seinen Lernhunger. Und eine Strapaze für mein Konto.
Er macht aber einen glücklichen Eindruck, so dass ich keine einzige Mark
bereue. Wäre Tom ein begnadeter Skifahrer oder Tennisspieler, gäbe es
für ihn Nachwuchsförderung, Ausrüstung, ein passendes Internat und
Sponsoren aus der Wirtschaft.
Beginnen wir, uns um die brachliegenden Ressourcen, die
wertvollen innovativen Ideen zu kümmern, die in diesen Kindern
schlummern. Bis heute ver(sch)wenden etliche von ihnen all ihre
Intelligenz, um sich anzupassen, zu verstellen, zu überleben in einem
Schulsystem, das Auswendiglernen und ordentliche Schrift mehr honoriert
als den kreativen Einsatz ihres brillanten Geistes.
Wie viele Kinder gibt es, die man aus Angst, sie könnten
auffallen, mit Psychopharmaka dämpft? Wie viele Lehrerinnen schicken
hochbegabte Kinder nicht aufs Gymnasium, weil sie ihre Gedanken nicht
begreifen? Wie viele Eltern erkennen die Andersartigkeit ihrer Kinder,
stehen den Schulproblemen aber hilflos gegenüber. Zu viele.“
http://www.br-online.de/wissen/bildung/hochbegabung-bei-kindern-DID1203519417533/hochbegabung-links-foerderung-ID671202497581282005.xml
In der SZ gab es einen Bericht über Hochbegabte.
Dieser Hinweis ist vom Maria-Theresia-Gymnasium:
Die Süddeutsche Zeitung schreibt auf Seite R4 ihrer
Ausgabe Nr. 105 vom 07./08.05.2011, dass es am MTG in jeder
Jahrgangsstufe eine Hochbegabtenklasse gibt und 20 Jungen und Mädchen in
die d-Klasse der fünften Jahrgangsstufe aufgenommen werden. Hierzu
erklärt die Schulleitung des MTG, dass sich am Konzept der hiesigen
Hochbegabtenförderung nichts geändert hat und die entsprechenden Klassen
weiterhin nur in den Jahrgangsstufen 6 mit 10 eingerichtet werden.
Nähere Details, insbesondere zu den speziellen Aufnahmeverfahren, stehen
auf unserer Homepage unter Über
Uns > Hochbegatenklassen zur Verfügung.